SZ Liebscher - Weinböhla HILFT e.V.

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Ein zuverlässiger Kollege
In der Weinböhlaer Bäckerei Liebscher hat Flüchtling Rebaz eine Arbeit gefunden. Ob er bleiben kann, weiß er nicht.
29.04.2017 - SZ-Online

Von Ines Scholze-Luft

Weinböhla. In der Backstube der Bäckerei Liebscher herrscht Hochbetrieb. Das Wochenende steht vor der Tür. Da werden auch viele Kürbiskernbrötchen gebraucht. Geselle Martin Weichelt (28) legt die Teiglinge aus der Brötchenformmaschine auf ein Blech, je 30 Stück. Über 1 000 schafft er in der Stunde. Gemeinsam mit Mitstreiter Rebaz (30), der für den Teignachschub sorgt. Beide haben gut zu tun, verständigen sich zwischendrin mit wenigen Worten.

Alles ganz normal also. Bis auf eine Besonderheit. Rebaz ist die Ausnahme im Weinböhlaer Bäckerei-Team. Dabei arbeitet der Kurde aus dem Nordirak in der Backstube mit, als hätte er ein Leben lang nichts anderes gemacht. War er doch schon in seiner Heimat Bäcker, hat das Handwerk in der Praxis gelernt. Berufsschulen sind da eher unbekannt.

Für den 30-Jährigen ist das Backen mehr als ein Beruf. Er findet alles spannend, was damit zusammenhängt. Ist offen für Neues. Seine Mitstreiter schätzen das sehr. Wie Martin Weichelt, der mit ihm zusammenarbeitet seit dem Start bei Liebschers vor etwa einem Jahr. Rebaz’ wachsende Deutschkennnisse findet der Geselle gut, ebenso dessen Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Was sicher nicht immer leicht fällt, wenn das Tagwerk zwischen 2 und 3 Uhr am Morgen beginnt.

Rechtzeitig da sein – für den jungen Kurden eine Selbstverständlichkeit. Wie das Bestreben, immer besser mit der deutschen Sprache zurechtzukommen. Denn Rebaz möchte nicht mehr weg aus Deutschland. Dorthin flüchtete er, als die Unruhen rund um Arbil, die Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan, zunahmen. Erst kürzlich wurde wieder gemeldet, dass bei türkischen Luftangriffen auf Kurdenstellungen im Norden Syriens und des Iraks mehr als 20 Menschen getötet worden. Bei uns ist immer Krieg, sagt Rebaz. Schon ein Geräusch, das nur im entferntesten wie ein Schuss klingt, kann großes Erschrecken auslösen.

Deshalb setzt er so auf sein neues Leben: Weil hier Frieden ist, möchte er bleiben. Zumal er inzwischen eine Festanstellung bei Bäckermeister Liebscher hat. Das war nicht abzusehen, als der Verein Weinböhla hilft nach einer Praktikumsstelle für Rebaz suchte. Und sie bei Karsten Liebscher fand. Dann sprach der Meister mit den Mitarbeitern, ob sie sich Rebaz in der Mannschaft vorstellen können. Sie konnten es.

Der Neuzugang erweist sich als fingerfertig und geschickt, auch das bestätigt Karsten Liebscher in seiner Entscheidung für den sympathischen Kollegen. Er fragt viel, auch über die Arbeit hinaus, hat schon in Stresssituationen wie Weihnachtsgeschäft mit durchgehalten. Zieht mit, wie man sich das vorstellt, sagt der Bäckermeister. Die Aufgeschlossenheit beruht auf Gegenseitigkeit. Die deutschen Mitarbeiter wissen von Rebaz’ Herkunft und Familie.

Für Gabriela Voigt vom Weinböhla-hilft-Verein ein ganz großer Erfolg. Weil es ohne sinnvolle, anerkannte Arbeit keine wirkliche Integration gibt, machen sie und andere Mitglieder sich oft auf den Weg, um Jobs für Flüchtlinge zu finden.

Passendes ergibt sich allerdings recht selten. Ein Englischlehrer ist Kellner. Ein Anwalt möchte eine Optikerausbildung beginnen. Seinen Platz ganz nach Profession weiß Rebaz sehr zu schätzen, der im Mai 2015 ins Flüchtlingsheim auf dem Querweg in Weinböhla kam. Dort wohnt er nicht mehr. Seine Patin hat in Coswig eine Wohnung erkämpft, wo sie zu dritt leben. Zum Glück, sagt Rebaz. Im Heim hätte er nicht schlafen können. Vor allem nicht zu den Zeiten, die bei seiner Arbeit dafür bleiben.

Dass er fünf Tage die Woche quasi kurz nach Mitternacht aufstehen und nach Weinböhla radeln muss, stört den sportlich-schlanken Mann nicht. Allerdings: Hätte er eine Anerkennung als Flüchtling, würde er sich gern eine eigene Wohnung suchen. Möglicherweise etwas näher an seiner Arbeitsstelle. Doch um diese Wünsche steht es gerade nicht so gut. Auf seinen Antrag auf Anerkennung als Flüchtling kam ein Nein. Dagegen hat er Widerspruch eingelegt, klagt auf Duldung, damit er wenigstens so lange bleiben kann, wie der Krieg dauert.

Gabriela Voigt hat für die Ablehnung ebenso wenig Verständnis wie der Bäckermeister. Weil sich der junge Mann so viel Mühe mit der deutschen Sprache gibt. Weil er als Erster aus dem Heim einen Job gefunden hat. Weil er immer dabei ist, wenn Verein und Paten etwas unternehmen – ob Weihnachtsfeier, Konzert, Theater, Waldputz, Garten- oder Malerarbeit, sagt die Vereinsfrau.

Und: Karsten Liebscher meint, dass Rebaz gar nicht den ganzen Flüchtlingsantragsweg durchlaufen müsse. In seinem Fall sollten eine Arbeitserlaubnis und eine Genehmigung zum dauerhaften Aufenthalt – so lang er Arbeit hat – reichen. Immerhin zahle er in alle Sozialkassen ein.

Nur der Versuch, in der Berufsschule die Bäckerlehre nachzuholen, klappte nicht. Da fehlten vor allem Fachbegriffe, bestimmte Vokabeln. Das bedeutete Abbruch des Lehrverhältnisses. Für die Bäckerei ist Rebaz auch ohne Berufsschule eine Verstärkung. Er hat sein Aufgabengebiet, macht Sachen, die der Geselle macht, Brot wirken, Kuchenteige zubereiten, sagt Karsten Liebscher. Und Rebaz kann dazu immer alle fragen, weiß Martin Weichelt.

Vielleicht findet sich sogar eine Möglichkeit, damit Menschen wie Rebaz ihre Fähigkeiten nachweisen können, heißt es vom Verein. Wer beispielsweise fünf Jahre als Bäcker arbeitet, und das einwandfrei, könnte eine entsprechende Bestätigung erlangen. Da wäre Rebaz auf einem guten Weg, kann sich in der Backstube in Weinböhla weiter jeden Tag beweisen.

Der Verein Weinböhla hilft e.V. sucht weiter Paten, die bei der Betreuung von Flüchtlingen mitarbeiten. Näheres unter www.wbl-hilft.de

Artikel-URL: http://www.sz-online.de/nachrichten/ein-zuverlaessiger-kollege-3670773.html
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